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Coronavirus in Bolivien PDF Drucken E-Mail

Am 12. März, nach Bekanntwerden der ersten Coronavirus-Fälle in Bolivien, wurden sämtliche Schulen, Universitäten und andere Ausbildungseinrichtungen geschlossen und alle Flüge von und nach Europa gestrichen. Das war sicher angemessen und ernünftig angesichts der Tatsache, dass die Krankenhäuser – schon in „Normalzeiten“ hoffnungslos überlastet und unzureichend ausgerüstet und nicht im Geringsten auf eine solche Notlage vorbereitet sind. Das erste bekannte Opfer wurde in Santa Cruz in einer Ambulanz mehrere Stunden von einem Krankenhaus zum anderen gefahren und nirgends wurde der Patient aufgenommen. Schließlich musste er in einem Büro der Regionalregierung untergebracht werden. Kein Wunder, dass Santa Cruz bis heute in Bolivien als Epizentrum der Epidemie gilt!
Auf unsere dringende Anfrage konnte uns das Jugendamt keine Auskunft darüber geben, wie wir uns im Notfall verhalten und wohin wir ein krankes Kind bringen sollen. Wörtlich hiess es: „Ihr seid capo (= fähig genug), um zu wissen, was zu tun ist“. Noch schlimmer war die Antwort eines Funktionärs der Gesundheitsbehörden: „Wir sind raza de bronce, ein hartes Volk. Die Kinder sollen nur tüchtig quinua essen und damit hat es sich!“ Fehlte nur noch, dass sich einer der Funktionäre ähnlich wie der brasilianische Präsident Bolsonaro geäußert hätte, der,  bevor in Brasilien die Infizierten zu Tausenden und die Toten zu Hunderten gezählt wurden, meinte: “Das ist doch nur eine leichte Grippe. Ein Brasilianer kann in eine Kloake springen und holt sich nichts.”  Wir in Tres Soles allerdings waren mehr denn je gefordert. Die hygienischen Maßnahmen mussten verdoppelt und die Kinder den ganzen Tag in Tres Soles beschäftigt werden. Die über Achtzehnjährigen in unserem Studenten- und Lehrlingsheim „Luis Espinal“ wurden aufgefordert, falls möglich, nach Hause zurückzukehren. Als die Zahl der Infizierten anstieg und es erste Tote im Land gab, wurde schrittweise eine Total-Quarantäne verhängt und die Betreuer konnten nicht mehr ins Projekt kommen. Wir evakuierten die Mädchen von Tres Soles in unser Studenten- und Lehrlingsheim, wo auch die Nachtbetreuerin wohnt und durch die veränderte Situation Zimmer frei geworden waren. Die Jungen sind in Tres Soles geblieben- unter der Obhut des Sportlehrers und seiner Frau, die sich bereit erklärt hatten, bis zum Ende der Quarantäne im Projekt zu wohnen. Sie werden unterstützt von Braulio, - einer der Ersten, der zu uns ins Projekt kam-, gelernter Schreiner, gelernter Koch und Schauspieler von Tres Soles, sozusagen ein “Solesianer” der allerersten Stunde. Die Jüngsten wurden auf die Familien von anderen Betreuern verteilt und wir haben zuhause ein älteres Mädchen aufgenommen, das nicht so recht in die anderen Kleingruppen gepasst hätte. Man darf nur noch an einem einzigen Vormittag pro Woche aus dem Haus, um einzukaufen. Da Guisela und ich nur 15 Minuten zu Fuß vom Projekt entfernt wohnen, können wir wenigstens ein paar Stunden dort zubringen, denn öffentliche Verkehrsmittel fahren schon längst nicht mehr. Auch der private Autoverkehr ist ohne Erlaubnis unter Strafandrohung verboten.
Ein Problem wird sein, zur Bank zu gelangen, um die gerade fällige Quartalszahlung abzuholen und allen Betreuern das benötigte Geld zukommen zu lassen. Zum Glück sind Fahrräder erlaubt, aber es ist ein weiter Weg in die Stadt.
Alles in allem können wir sagen, dass wir die Wohnsituation nicht schlecht gelöst haben. Von anderen Heimen wissen wir, dass die Zustände schrecklich sind und es dort schwerwiegende Probleme gibt. Die Kinder sind mehr oder weniger im Heim nicht nur eingesperrt, sondern auch sich selbst überlassen, da das Personal nicht mehr kommen darf. Somit ist die Sicherheit der Kinder in Frage gestellt und auch die regelmäßige Ernährung dürfte recht zweifelhaft sein. Die angekündigten Sonderbewilligungen, die den Betreuern die Möglichkeit geben sollten, sich frei zu bewegen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können, waren übrigens auch nicht erhältlich. Die Website, auf der man sie hätte beantragen müssen, hat nie funktioniert. Man hätte wie üblich auf dem Polizeikommissariat stundenlang Schlange stehen müssen, was sehr viel Sinn macht, wenn das ganze Land unter Quarantäne steht. Zum Abschluss möchte ich noch kurz erwähnen, dass die politische Lage durch die Corona-Krise sehr verschärft wird. Es ist eine Tatsache, dass die für den 3. Mai angekündigten Präsidentschaftswahlen verschoben werden mussten. Die politische und soziale Unsicherheit, die seit dem Fall von Evo Morales herrscht, bleibt auf unbestimmte Zeit bestehen. Die Polarisierung zwischen den verfeindeten Lagern nimmt weiter zu. Es geht sogar so weit, dass gewisse Regionen - Hochburgen des Expräsidenten wie El Alto oder das Kokaanbaugebiet Chapare - sich gegen die Quarantäne wehren, mit dem Argument, dass das Corona-Virus eine Erfindung der neuen Regierung sei, um uns zu unterdrücken, die Wahlen zu torpedieren und an der Macht zu bleiben; oder aber es heißt: „Unter Evo wäre das nicht passiert.“ Die Ignoranz in dieser Hinsicht ist sicher grenzenlos, aber das Problem ist, dass große Teile der Bevölkerung durch die Quarantänemaßnahmen finanziell schnell an ihre Grenze kommen werden; gerade in Bolivien, wo 70% der Bevölkerung von der Schattenwirtschaft und somit von den täglichen Einnahmen lebt. Man muss nur auf den Süden Italiens schauen, wo ähnliche Verhältnisse herrschen, und es schon jetzt zu Plünderungen und Überfällen kommt. Immerhin gibt sich die bolivianische Regierung alle Mühe, die Lebensmittelversorgung aufrecht zu erhalten. Den ärmsten Familien wurden Zuschüsse ausbezahlt und teilweise Strom- und Wasserrechnungen erlassen. Ebenso wurden Kreditrückzahlungen eingefroren. Ob das jedoch genug ist, um kurz- und mittelfristig soziale Unruhen zu verhindern, muss sich erst noch herausstellen. Fest steht jedoch, dass diese Unruhen dann von den Sicherheitskräften mit Gewalt unterdrückt werden.
© Stefan Gurtner

 
Wer war Luis Espinal? PDF Drucken E-Mail

WELCHE UMSTÄNDE FÜHRTEN ZU SEINEM GEWALTSAMEN TOD AM 22. MÄRZ 1980?

Warum steht dieser Bericht unter den News? Vielen Websitebesuchern dürfte der Grund hierfür klar sein. Allerdings weiß nicht jeder, dass unser Projekt aus zwei Häusern besteht: aus der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft“Tres Soles“, in dem die unter 18-Jährigen leben und aus dem Studenten-u.-Lehrlingsheim mit Namen Luis Espinal, in dem die jungen Erwachsenen wohnen, die sich in einer Berufsausbildung befinden.

Am Abend des 8. Juli 2015 ließ Papst Franziskus, der sich in Bolivien zu einem Besuch aufhielt, seinen Tross auf der Schnellstraße vom Flughafen nach La Paz in einer Kurve anhalten. An einem schlichten Kreuz, das zum Gedenken an den vor 40 Jahren ermordeten Jesuitenpater Luis Espinal errichtet worden war, sprach er ein kurzes Gebet. Nur wenig später überreichte der damalige bolivianische Staatspräsident, Evo Morales, dem Papst die Nachbildung eines Kruzifixes, geformt aus einem Hammer und einer Sichel, das genau jener Espinal Jahrzehnte zuvor selbst geschnitzt hatte.
Espinal wurde am 4. Februar 1932 in Sant Fruitós de Bages, einem kleinen Dorf in der Nähe von Manresa, in der Provinz Barcelona, Katalonien geboren. Als er vier Jahre alt war, brach der spanische Bürgerkrieg aus, in dem einer seiner älteren Brüder ums Leben kam. Zu diesem Zeitpunkt lebte seine Mutter schon nicht mehr. Mit 17 Jahren trat er als Novize in den Jesuitenorden ein, dem er bis zu seinem Lebensende treu bleiben sollte. Im Alter von 30 Jahren (1962) wurde er zum Priester geweiht und studierte unmittelbar darauf in Bergamo, Italien, Medienwissenschaften mit Schwerpunkt auf Film und Fernsehen. In dieser Zeit verfasste er eine Reihe von Gebeten- nicht unbedingt außergewöhnlich für einen Geistlichen könnte man sagen. Außergewöhnlich waren allerdings Inhalt und Titel. „Gebete hautnah“ handelt von den Problemen der Jugend, von Sexualität, von moderner Musik und von einem Gott, der Schulter an Schulter mit den Menschen durch die von Lärm und Autos verseuchten Straßen wandelt;  außergewöhnlich, weil es im vor allem erzkatholischen und konservativen Spanien der Franco-Diktatur geschah.
Nach dem Studium der Medienwissenschaften begann Espinal in Barcelona sowohl als Leiter eines Kino-Clubs als auch als Filmkritiker zu arbeiten. Seine Fernsehsendung „Cuestión urgente“ („Drängende Fragen“) fiel der Zensur des Franco-Regimes zum Opfer, als er es wagte, über die damaligen Elendsviertel von Barcelona zu berichten. Espinal kündigte umgehend seinen Vertrag mit dem spanischen Fernsehen. Der Zufall wollte es, dass gerade Bischof Genaro Prata zu Besuch war, der sein Heimatland Bolivien im Bereich ‚Medien‘ auf der Bischofskonferenz vertrat. Er lud den streitbaren Priester nach Bolivien ein, wo er ab 1968 eine zweite Heimat fand.
Espinal lehrte als Dozent an der staatlichen sowie an der katholischen Universität in La Paz und schrieb mehrere Bücher, in denen er sich kritisch mit dem Film auseinandersetzte. Seine Filmrezensionen waren fester Bestandteil in den Tageszeitungen. Espinal wurde nie müde, den „kommerziellen Film“ in Frage zu stellen und vertrat die Ansicht, dass die Filmkunst unbedingt ein Mittel sein müsse, um soziale Botschaften zu vermitteln. Wie nicht anders zu erwarten, begann er bald, auch in Bolivien anzuecken. Zwischen 1964 und 1982 herrschte in Bolivien, mit wenigen und kurzen Unterbrechungen, eine Militärdiktatur, während der sich mehrere Generäle gewaltsam an der Macht ablösten. Die Zeit von 1971 bis 1978 war von der Regierung des deutschstämmigen Generals Hugo Banzer und seinem eisern antikommunistischen Kurs geprägt.
Im Sog des Zweiten Vatikanischen Konzils, insbesondere der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz in Medellín (1968) wandte sich Espinal ebenfalls der Befreiungstheologie zu. Die Kirche sollte eine „Kirche für die Armen“ werden und sich für ihre Rechte und Bedürfnisse einsetzen. Er begann, zum Teil öffentlich und in sehr harten Worten, nicht nur seine Kollegen, sondern auch Bischöfe zu kritisieren. Seiner Meinung nach dürfe sich die Kirche angesichts der Ausgebeuteten und Ausbeutern nicht neutral verhalten. Jesus sei in seinen Ansichten schließlich auch nicht ‚neutral‘ gewesen. Zweifelsfrei habe er für die Armen und Unterdrückten Partei ergriffen und mit seinem Leben dafür bezahlt.
Auf Grund der Tatsache, dass Espinal die Inhalte der Befreiungstheologie mit der Zeit immer konsequenter und unbeugsamer vertrat, wurde er von den Militärs beschuldigt, ein ‚ausländischer Extremist und Kommunist’ zu sein. Dies umso mehr, als er 1976 an der Gründung der Ständigen Versammlung für Menschenrechte beteiligt war. Anfang 1978 nahm er an einem Hungerstreik teil, den eine Gruppe von Minenarbeiterfrauen, deren Männer verhaftet worden waren,  begonnen hatte, um ihre Freilassung und eine allgemeine Amnestie für politische Gefangene zu erreichen. Der Streik breitete sich wie ein Lauffeuer über das ganze Land aus. Nach 19 Tagen musste Banzer nachgeben. Es war das Ende seiner Regierung. Espinals ausführlichen Bericht über seine Erfahrungen während des Hungerstreiks bezeichnete man später als sein ‚politisches und geistiges Testament’.
Ein Jahr später gründete er mit einer Gruppe von Journalisten, die auf der Suche nach einer Zeitung waren, in der sie frei ihre Meinung äußern konnten, im Gegensatz zu den traditionellen Zeitungen, die Wochenzeitung „Aquí“ („Hier“). Die Wahl zum Chefredakteur fiel auf ihn, da einzig und allein er von allen Journalisten, die unterschiedliche, linke Strömungen vertraten, akzeptiert wurde.
Währenddessen wurde seine Lage immer kritischer. Mehrere Male wurde er mit dem Tode bedroht. Die Kirchenleitung forderte ihn ultimativ auf, diese gefährliche Arbeit aufzugeben, aber der Provinzial der Jesuiten in Bolivien, Pater Víctor Blajot, verteidigte ihn nach Kräften, nachdem ihn Espinal von der Notwendigkeit seiner Arbeit überzeugt hatte. Zu Beginn des Jahres 1980 berichtete er über einige hohe Offiziere, die in den Kokainhandel und andere illegale Geschäfte verwickelt waren, sowie über deren offensichtliche Pläne eines neuerlichen Putschversuchs. Im Februar wurden seine Redaktionsräume durch einen Bombenanschlag zerstört. In der Nacht vom 21. auf den 22. März wurde er von Paramilitärs, unter dem Kommando von Oberst Gómez und des NS-Kriegsverbrechers Klaus Barbie, entführt, brutal gefoltert und ermordet.
Nur zwei Tage später fielen die tödlichen Schüsse auf den Erzbischof von El Salvador, Oscar Romero.

Stefan Gurtner April 2020

 
Interview mit Guisela Gurtner PDF Drucken E-Mail

Wie die meisten wissen, war Stefan 2017 während seiner Tournee auch in Spanien und hat über Esther und Andreas Keller viel Unterstützung erfahren. U.a. kam es zu der Idee, ein Interview mit Guisela für das spanische Frauenmagazin „Introversión“ (hohe Auflage) zu machen. Das Interview, das im November 2018 gemacht wurde, steht unter der Rubrik mit dem passenden Namen „Heroínas“ (Heldinnen)!

Heldinnen

Von Anna T. Farran (die Fotos wurden von der Interviewten zur Verfügung gestellt)

An eine bessere Welt glauben
Guisela, Co-Leiterin des bolivianischen Projekts Tres Soles

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Seit über 29 Jahren existiert Tres Soles, ein Projekt, das Straßenkinder, seien sie Waisen oder nicht, aufnimmt, um ihnen Erziehung und ein Dach über dem Kopf zu geben. Mit der Zeit ist es gewachsen und hat sich gefestigt, indem es stetig sein Konzept und seine Arbeitsformen perfektioniert hat.
Guisela, die Co-Leiterin, ist die alma mater dieser Nichtregierungsorganisation, sowohl im wörtlichen als auch metaphorischen Sinn, die im wahrsten Sinne Körper und Seele der Projektbewohner nährt -zusammen mit einem Psychologen; und diese Organisation ist bis zu diesem Zeitpunkt in Spanien weitgehend unbekannt, trotz der enormen und wertvollen menschlichen Arbeit, die dort geleistet wird.
Ich habe nicht das Glück gehabt, sie persönlich kennenzulernen, aber ich glaube, dass Guisela, neben einem großen Herzen, kraftvoll und zärtlich ist, beharrlich bis zum Erreichen ihrer Ziele, klein von Statur, aber stark und zäh. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass sie das fünfte Kind ihrer Mutter und das achtzehnte ihres Vaters war. Schon als kleines Kind lernte sie von ihrer Mutter, was Teilen und Glauben an eine bessere Welt bedeutet. “Aber du musst es auch wirklich wollen”, sagte ihre Mutter immer zu ihr. Und Guisela will es wirklich und arbeitet hart, um es zu erreichen.


V: Wie kam es zu dem Namen Tres Soles?
G.F.: Den Namen haben die Kinder gewählt. Für mich ist das ein perfekter Name. Ich denke auch, dass es mit allem Dagewesenen bricht, sich drei Sonnen vorzustellen.
V: Haben Sie dieses Projekt gegründet? Seit wann und warum machen Sie mit?
G.F.: Eines Tages traf ich einen Verrückten, der an eine bessere Welt glaubte und der wusste, dass die Träume wahr werden, wenn man sich daran macht, diese Welt aufzubauen, von der man träumt. Es war ein Typ, in den man sich auf den ersten Blick unsterblich verliebt. Er hatte schon begonnen, die Arbeit mit den Straßenkindern zu strukturieren. Als ich sah, wie er sich voller Zuneigung, auf Kosten der eigenen Bequemlichkeit, um sie kümmerte, beschloss ich, ihm dabei zu helfen. Stefan ist heute mein Mann. Er ist einer derjenigen Menschen, die fähig sind, Träume Realität werden zu lassen.
V: Woher kommen diese Kinder? Sind es Waisenkinder oder wurden sie einfach verlassen? Wie kommen sie zu euch?
G.F.: Unsere Jungen und Mädchen sind das Resultat einer gleichgültigen und grausamen Gesellschaft. Fast 80% von ihnen haben Mutter oder Vater, aber sie kümmern sich nicht um sie. Der Rest sind Waisen. Sie kommen zu uns über das bolivianische Servicio Departamental de Gestión Social (SEDEGES), was dem Jugendamt entspricht. Das Mindestaufnahmealter liegt bei fünf Jahren. Wir versuchen Geschwistern den Vorzug zu geben, damit die Familien nicht noch mehr auseinander gerissen werden.
V: Ich stelle mir vor, dass diese Kinder schwierig sind. Wie schaffen Sie es, dass sich die Kinder an die Wohngemeinschaft gewöhnen?
G.F.: Es handelt sich um misshandelte, von ihren Familien ausgeschlossene Kinder. Wenn sie zu uns kommen, können sie oft nicht glauben, dass wir sie mit offenen Armen empfangen und wir ihnen die Chance geben wollen, die ihnen ihre Eltern verweigert haben. Der Fokus unserer Arbeit liegt auf der persönlichen Betreuung, die sie bei uns erhalten. Da die Gruppen nicht zu groß sind, funktionieren wir wie eine große Familie. Wir geben ihnen ihre Rechte zurück und kümmern uns zuerst um ihre geistige Gesundheit. Auch verwöhnen wir sie ein bisschen, denn immer haben wir ein Lächeln für sie bereit. Im Grund geben wir ihnen praktisch alles, was ihnen ihre Herkunftsfamilien nicht geben konnten. Wir behandeln sie mit Respekt, das macht den Unterschied zu anderen Einrichtungen. Für uns sind es erwünschte Kinder.
V. Sie fühlen sich sozusagen Mutter von allen…
G.F.: Wenn Sie mich fragen, ob ich sie liebe, ist die Antwort ein klares “Ja”. Ich liebe sie von ganzem Herzen. Vielleicht ist es schwierig, meine Position zu verstehen, aber manchmal glaube ich, dass ich mehr erhalten habe als das, was ich menschlich geben konnte.
V. Wie viele Kinder betreuen Sie im Moment?
G.F.: In der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft Tres Soles sind es 21 Jungen und Mädchen und im Studenten- und Lehrlingsheim 22 junge Erwachsene.
V. Wie ist die aktuelle Lage von Tres Soles?
G.F.: Persönlich bin ich etwas traurig über die aktuelle Lage, da der Staat Bolivien eigentlich verantwortlich für diese Jungen und Mädchen ist, aber wir von ihm nicht einmal einen Lebensmittelzuschuss bekommen. Die vorherigen Regierungen ließen uns wenigstens in Ruhe arbeiten, aber jetzt nicht einmal das. Wir haben nicht die mindeste Garantie, weiterarbeiten und auf bessere Tage für unsere Solesianerkinder hoffen zu können. Arbeitsplätze gibt es praktisch nicht und die wirtschaftliche Lage ist sehr unstabil. Der Gipfel ist, dass man verneint, dass es überhaupt noch Armut in Bolivien gibt. Das Schlimmste ist, dass wir eine vom Staat unerwünschte Nichtregierungsorganisation sind, obwohl wir die ganze Verantwortung für etwas übernehmen, das der Staat übernehmen müsste. Nicht nur, dass uns diese Regierung nicht hilft, sondern sie setzt auch alles daran, um uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen.
V. Wie gestalten Sie Ihre Arbeit und woher kommen die finanziellen Mittel?
G.F.: Tres Soles funktioniert als Aufnahmestelle mit familiärem Ambiente. Unser Ziel ist es, dass “unsere” Kinder ihre Ausbildung abschließen und sie als nützliche Mitglieder in die Gesellschaft zurückkehren. Die Unterstützung endet also nicht mit dem Erreichen der Volljährigkeit, sondern wird bis zu einer erreichten Berufsausbildung weitergeführt. Was die finanziellen Mittel betrifft, muss man die wertvolle Unterstützung unterstreichen, die wir von vielen Menschen, die ebenfalls an eine bessere Welt glauben, erhalten. Es sind Spender, die sich in einer Kirchengemeinde in Deutschland organisiert haben und die uns von Anfang an unterstützen. Auch in der Schweiz, wo mein Mann herkommt, gibt es unermüdliche Helfer. So konnten wir das Projekt Schritt für Schritt aufbauen und zu dem Punkt gelangen, wo wir uns heute befinden. Ebenso erhalten wir einige Stipendien für die Berufsausbildung von der Fundación Maite Iglesias, ausserdem gibt es einige Freunde in Sant Cugat del Vallès (Barcelona), die mithelfen, aber der größte Teil der Geldmittel kommt aus Deutschland und der Schweiz. Aus Deutschland kommen auch jährlich zwei Freiwillige. Dazu zähle ich auch Gertraud Friedrich, eine 79-jährige Freiwillige, die Gold wert ist. Sie ist meine Heldin genau wie meine Mutter.
V: Was ist das Härteste an Ihrer Arbeit?
G.F.: Sich die furchtbaren Geschichten vorzustellen, die diese Kinder erleben mussten, beginnend meistens schon mit einer sehr schwierigen Zeit im Mutterleib. Opfer von so viel Lieb- und Verantwortungslosigkeit in so frühem Alter zu sein, hinterlässt unverwischbare Spuren in ihnen. Was man auch unternimmt, diese Erlebnisse machen sie zu dem, was sie sind.
V: Erzählen Sie mir eine Anekdote, eine Situation oder einen Moment, der Sie besonders beeindruckt hat und den Sie nie wieder vergessen werden.
G.F.: Ich trage in meinem Herzen Teo. Schon als er klein war, half er überall mit, war sehr verantwortungsbewusst. Ich erkannte schon früh in seinem lebendigen Blick die Kraft, die Beharrlichkeit und die Anstrengung, die er bereit war, auf sich zu nehmen, um seine Ziele zu erreichen. Als er heiratete, benahm er sich wie ein beispielhafter Sohn. Heute ist er ein vorbildlicher Vater, hat eine stabile Familie und ist pädagogischer Leiter eines Berufsbildungsinstituts. Einmal kam eines “meiner” Kinder zu mir und bat mich, ihm die Hose zu flicken, die zerrissen war. Ich sagte ihm, dass ich gerade Besuch und im Moment keine Zeit hätte. Sofort sagte Teo: “Komm, mein Freund, ich erledige das…” Das hat mich sehr glücklich gemacht. Für solche Augenblicke lebe ich, darum habe ich gesagt, dass ich so viel von ihnen erhalte.
V: Sie fühlen also, dass diese Kinder ihr Lebensinhalt sind?
G.F.: Sie sind mein Leben, sie haben meiner Existenz einen Sinn gegeben. Sie haben meinem Leben in jedem Moment Farbe und Würze gegeben. Es erfüllt mich sehr, das Leben von so vielen jungen Menschen begleitet zu haben: Faustina, Silvia, Patricia, Sonja, Gladys und meine “Söhne”, -die meisten heute schon erwachsen-, das werden immer Braulio, José, el Osito, el Bautista und Wilmer bleiben… Sie haben ihren Weg gefunden, sie haben sich angestrengt, um ihre eigenen Kinder glücklich zu machen. Es sind Menschen, die meine Bewunderung verdienen, auf die ich super stolz bin, genauso wie auf Stefanie und Isabel, meine leiblichen Töchter, die mir immer viel Verständnis entgegengebracht haben.

Nachfolgend ist der Link aufgeführt, um sich das gelungene Interview im Original anschauen zu können:
http://www.v-introversion.com/flipbook/iv54/index.html#12

guisela fertig

 
Theaterprojekt “Sturm in den Bergen” PDF Drucken E-Mail


Am 29. und 30. Juni hat unsere Theatergruppe “Ojo Morado” mit zwei öffentlichen Aufführungen auf dem Sportplatz der Wohngemeinschaft das Theaterprojekt “Sturm in den Bergen/Tempestad in den Bergen” - frei nach der gleichnamigen Erzählung des bolivianischen Autors Walter Guevara Arze - abgeschlossen. Die Geschichte handelt von einem Bergarbeiter namens Mamani, dessen Frau Maria an einer Lungenentzündung verstorben ist. Um sie würdig beerdigen zu können, muss er sich Geld von seinem Arbeitgeber, dem Bergbauunternehmen, leihen. Das wiederum schmälert seinen Lohn derart, dass er kaum noch seine kleinen Kinder Juanito und Marucha ernähren kann. Als der Händler Gonzáles mit seinem Pferd ins Minencamp kommt, beschließt Mamani, zu fliehen. Gegen einen Geldbetrag ist Gonzáles bereit, Juanito und Marucha auf seinem Pferd mitzunehmen. Mamani erklärt den Kindern, dass er in der folgenden Nacht nachkommen würde. Der Händler bricht auf, aber anstatt zügig den Weg über den Pass zu nehmen, der zum Nachbardorf führt, macht er einen Umweg, um eine Ladung Mineralien abzuholen, die in der Mine gestohlen wurde. Trotz der Warnung, dass jeden Moment ein Schneesturm ausbrechen kann, schickt er derweil die Kinder zu Fuß voraus, was zur unvermeidlichen Katastrophe führt.
Insgesamt haben 30 Schauspielerinnen und Schauspieler am Theaterprojekt teilgenommen, alle Kinder und Jugendlichen von Tres Soles,  einige Betreuerinnen und Betreuer, mehrere Mitglieder des Studenten – und Lehrlingsheims Luis Espinal, ehemalige Bewohner von Tres Soles und zwei deutsche Freiwillige. Die Projektarbeit erstreckte sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren. Wie bei unserer erzieherischen Theaterarbeit üblich, zählten dazu die gemeinsame Lesung der Originalerzählung, eine “Recherchereise” mit der ganzen Gruppe zum Minendistrikt von Oruro/Llallagua, Videoaufnahmen vor Ort für die Hintergrund-/Kulissenbilder des Stücks, das Sammeln von Ideen, das Schreiben des Drehbuchs, die Herstellung der Requisiten, der Aufbau der Kulissen und die Vorbereitung der Technik. Es kamen nämlich zwei Beamer und zwei Leinwände zum Einsatz – und nicht zu vergessen: die täglichen Proben in den letzten fünf Monaten. Einer der Höhepunkte bei unserer Arbeit war ein einwöchiger Theaterworkshop mit Freddy Chipana. Er ist nicht nur ehemaliges Mitglied von Tres Soles, sondern auch Gründungsmitglied unserer Theatergruppe „Ojo Morado“ und schon seit langem professioneller Schauspieler.
Durch die Teilnahme unserer Kinder und Jugendlichen an der Pferdetherapie auf einer Pferdefarm war die Mitwirkung eines echten Pferdes im Stück möglich.
Die zweite Aufführung am Sonntag wurde vom lokalen Fernsehsender TV Familia begleitet und am darauffolgenden Tag in einer 20-minütigen Zusammenfassung ausgestrahlt. Ich denke, es war ein würdiger Abschluss nach 30 Jahren Theaterarbeit innerhalb der erzieherischen und therapeutischen Aktivitäten von Tres Soles. Aus verschiedenen Gründen, unter anderem das Fehlen staatlicher Unterstützung für den Unterhalt des Projekts, war es wohl das letzte große Theaterprojekt.


Stefan Gurtner, Juli 2019

 
Gameshow und Skirennen PDF Drucken E-Mail


Schülerinnen und Schüler der JFK School, Saanen, Schweiz unterstützten das Projekt Tres Soles, indem sie mit pfiffigen Ideen ihre Eltern zu einem Duell herausforderten.
Viel Spaß hatten die Schülerinnen und Schüler auch beim Skirennen, zu dem sie in Verkleidung antraten, wie die Fotos zeigen. Die besten Kostüme wurden abschließend prämiert.  
Das Ergebnis dieser Aktionen übertraf alle Erwartungen und die Kinder und Jugendlichen von Tres Soles können sich freuen.
Auch der Saaner Anzeiger hat ausführlich darüber berichtet.
Tres Soles dankt allen Beteiligten sehr herzlich, allen voran der Initiatorin Alisa King, Teacher of English, EAL and History, die bereits in 2017/2018 mit ihren Schülerinnen und Schülern das Projekt sehr engagiert unterstützt hat. Der Dank gilt nicht nur den Akteuren, sondern auch den Eltern, die offensichtlich mit viel Begeisterung ihre Kinder gesponsert haben. Nicht zu vergessen die Sportkoordinatorin Katrin Espiasse - ohne sie wäre das Skirennen wohl kaum möglich.

April 2019

 
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